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Copyright© Vera Reith, Diplom-Hydrologin, September 2015

Gewässerschutz

Tomaten als Indikator für Gewässerverunreinigungen?

Ob in der Elbe bei Magdeburg oder in der Dreisam bei Freiburg man kann in diesem Spätsommer 2015 ein merkwürdiges Phänomen beobachten: Tomatenpflanzen sprießen aus dem Fluss! Zu Dutzenden recken sich die Triebe mit den kleinen gelben Blütchen 40 bis 50 cm aus den trockenen Kies- oder Sandbänken empor. Gelbe und rote, kleine und große Früchte finden sich. Wer hat sie da angepflanzt? Handelt es sich etwa um „Urban Gardening“?

















Trockene Witterung verursacht Niedrigwasser

Laut Deutschem Wetterdienst war der Sommer 2015 heiß, trocken und sonnig. Die klimatische Wasserbilanz (Differenz aus Niederschlag und Verdunstung) war durchweg negativ. In der Folge waren die Böden Deutschlands nahezu ausgetrocknet. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde konstatierte bereits im Juli eine Niedrigwasserlage mit unterdurchschnittlichen Wasserständen in den Flüssen. Nach Niederschlägen in der 3. Augustwoche trat eine kurze Erholungsphase ein. Danach kam es zu einer Fortdauer des deutschlandweiten Niedrigwassers und zu extremem Niedrigwasser in Elbe und Oder. Auf den trockengefallenen Kies- und Sandbänken machten sich Pionierpflanzen breit. Der feuchte, schlammige und nährstoffreiche Untergrund bot zusammen mit der sonnigen Witterung ideale Bedingungen für Wasserpfeffer, Ampferknöterich, Zweizahn und Gänsedistel und seit neuestem: Tomaten. Als eine weitere exotische Pflanze, die sich immer öfter zwischen der heimischen Flora breit macht, findet man Kapstachelbeeren auf den Kiesbänken.

Tomaten lieben Klärschlamm

Ebenso wie die Beeren des Efeus, die gerne von Vögeln gefressen, mit deren Kot unverdaut wieder ausgeschieden und so über weite Strecken verbreitet werden, gibt es zahlreiche Pflanzen, die sich des Verdauungssystems von Tieren (und Menschen) bedienen, um sich zu vermehren und zu verbreiten. Die Tomate gehört zu ihnen. Unbeschadet überstehen ihre Samenkörner die Darmpassage, um nach einer langen Reise in der Kanalisation schließlich im Klärwerk zu landen. Dort überleben sie auch die Klärwerksaufbereitung und machen sich dann auf dem ausgebrachten Klärschlamm breit. Überall in Deutschland können in den Sommermonaten die keimenden und fruchtenden Tomaten in den Kläranlagen bestaunt werden.

Das Unwetterszenario

Auch die Tomaten, die sich Kilometer um Kilometer die Dreisam entlang ziehen, wurden keineswegs von Menschenhand gepflanzt oder gesät, sondern sind mit Abwässern dorthin gelangt. Folgendes Szenario ist denkbar: Kommt es in heißen, trockenen Sommermonaten zu Unwettern mit heftigem Regen, kann der ausgetrocknete Boden die Wassermengen nicht aufnehmen. Kleinere Bäche treten über die Ufer, Kanalisationen laufen über. Das Wasser wird mit samt seiner (Tomatensamen-)Fracht in den nächsten Fluss gespült. Nach dem Ablaufen des Hochwassers bleibt die Fracht zurück und keimt.

Dreisam-Tomaten eine Delikatesse?

Wenn man sich die etwas unappetitliche Reise der Tomatensamen vorstellt, kann man sicherlich nur den psychisch etwas robusteren Naturen den Verzehr der Dreisam-Tomaten empfehlen. Auch über ein robustes Immunsystem sollte der „Genießer“ verfügen, schließlich wurden die Früchte mit Abwässern gedüngt und unsere Flüsse haben nicht unbedingt Trinkwasserqualität. 2008 gingen Meldungen durch die Presse, wonach in den USA durch den Verzehr von Tomaten eine Salmonellen-Epidemie ausgelöst wurde. Man hatte festgestellt, dass Salmonellen in der Lage sind, aktiv in bestimmte Pflanzenwurzeln einzudringen und sich in der ganzen Pflanze verbreiten können.

Fazit

In Flussbetten wachsende Tomaten können als ein Indikator für Abwasser gelten. Durch eine zunehmende Klimaerwärmung mit vermehrt auftretenden Extremwetterereignissen dürften in der Zukunft Tomaten, Kapstachelbeeren und andere importierte Pflanzen zumindest temporär mit Abwässern in unsere Natur gelangen und dort keimen.